Interview RZ Koblenz und Region vom Freitag, 20. November 2015, Seite 28

Karl Wolff, Präsident des Chorverbandes Rheinland-Pfalz, steht Rede und Antwort zum Wandel der Chorlandschaft

M Koblenz. Versucht man den Status quo der Chorlandschaft in Rheinland-Pfalz zu analysieren, so wird man schnell feststellen, dass vereinfachte Schwarz-Weiß-Muster nichts taugen. Denn ja, viele etablierte Chöre und vor allem traditionelle Männergesangvereine kämpfen mit einem hohen Altersdurchschnitt, aber das heißt nicht zwangsläufig, dass weniger gesungen wird. Das Gegenteil sei der Fall, behauptet sogar Karl Wolff, Präsident des Chorverbandes Rheinland-Pfalz, im Interview.

Herr Wolff, was ist dran am Begriff Chorsterben?

Eigentlich gar nichts. Es gibt kein Chorsterben, sondern einen Wandel der Chorlandschaft. Chöre verändern sich, das haben sie schon immer getan. Vor geraumer Zeit mussten Sänger, die nicht zur Chorprobe erschienen, eine Geldstrafe bezahlen, und es gab regelrechte Aufnahmestopps in den Chören – das ist heute kaum vorstellbar. Aber zurück zum Chorsterben: Ja, viele etablierte Chöre müssen einen Geisteswandel vollziehen, um zukunftsfähig zu sein, aber um den Chorgesang mache ich mir mit Blick in die Zukunft überhaupt keine Sorgen.

Warum nicht?

Es ist zu beobachten, dass Singen wieder in Mode ist, auch bei jungen Leuten. Es bilden sich neue Chöre, Projektchöre, die zeitgemäße Lieder singen und sich in den Genres Pop und Jazz ausprobieren. Da, wo etwas geboten wird und die Qualität stimmt, ist Chorgesang gefragt. Häufig etablieren sich aus Projekten heraus dauerhaft Chöre. Dieser Trend nimmt zu.

Aber es ist doch eine Tatsache, dass etablierte Chöre, insbesondere traditionelle Männergesangvereine, mit einem hohen Altersdurchschnitt zu kämpfen haben.

Diese Tendenz gibt es. Ich gehe auch davon aus, dass wir in den nächsten fünf Jahren noch einmal 10 Prozent der etablierten Chöre verlieren werden, aber es ist wichtig, dass die Sänger erkennen, dass diese Entwicklung zu verhindern ist, wenn sie sich öffnen.

Zu welchen Veränderungen müssen traditionsreiche Chöre bereit sein?

Sie sollten sich umorientieren und zeitgemäßer auftreten. Sie sollten ihre Chorliteratur und vielleicht auch ihren Chorleiter auf den Prüfstand stellen. Helfen würde mitunter die Bereitschaft, den Mitgliedsbeitrag etwas anzuheben, dadurch eröffnen sich neue Möglichkeiten für einen Chor, was zum Beispiel die Wahl eines Chorleiters angeht.

Also sind festgefahrene Strukturen das größte Problem?

Ja, das kann man so sagen. Die Einstellung „das haben wir schon immer so gemacht, das machen wir auch weiterhin so“ ist in vielen etablierten Chören anzutreffen. Dadurch verbauen sich die Sänger die Chance auf Neuzugänge. Chöre müssen verstehen, dass sie keine Daseinsberechtigung haben, sondern sich engagieren müssen, um bestehen zu können. Wo dieser Wille da ist, klappt es auch.

Welche Rolle spielt der Chorverband in diesem Prozess?

Wir sind auf Kreis- und Landesebene dazu berufen, Vorgaben zu machen und den Wandel zu begleiten. Zum Beispiel bieten wir Chorcoachings an. Dabei gibt ein außenstehender Chorleiter Übungsstunden in einem Chor. Durch den frischen Wind offenbaren sich häufig Schwächen, die unter Umständen zu einem Chorleiterwechsel führen. Außerdem wollen wir, dass Chorleiter sich auf dem zweiten Bildungsweg, außerhalb eines Studiums, ausbilden lassen können. Dazu sind wir derzeit im Gespräch mit diversen Hochschulen, um Standards festzulegen. Außerdem versuchen wir, das Projekt „Singen und Musizieren für Kinder“ in den Schulen stärker zu etablieren, um die junge Generation frühzeitig für den Gesang zu begeistern.

Setzt der Sinneswandel auch aufseiten des Chorverbandes zu spät ein?

Wir haben die Chöre vielleicht zu spät abgeholt, aber gerade deswegen ist es jetzt unser Bestreben, Basisarbeit zu leisten und sowohl traditionelle als auch neue Chöre fit für die Zukunft zu machen.

Wagen Sie eine Prognose: Wie sieht der Chorgesang in Rheinland-Pfalz in 20 Jahren aus?

Chöre werden nicht mehr so groß sein, wie es heute teilweise der Fall ist. Gerade die Chöre und Ensembles, die sich erst in den letzten Jahren gegründet haben oder dann noch gründen werden, sowie die Projektchöre werden eher leistungsorientiert arbeiten, das heißt, sie werden die Herausforderung suchen, wie zum Beispiel eine große Messe oder ein Konzert à la „Rock meets Gospel“ zu singen mit aufwendiger Licht- und Tontechnik. Auch werden Chöre die Öffentlichkeit suchen – über Konzerte, Wettbewerbe, aber vielleicht auch über neue Wege wie Internetvideos bei YouTube. Auch denke ich, dass es in Zukunft mehr gemischte Chöre geben wird.

Das Gespräch führte Melanie Schröder

Der nächste Serienteil erscheint in zwei Wochen und zeigt, wie Chöre versuchen die Probleme aktiv anzugehen.

RZ Koblenz und Region vom Freitag, 20. November 2015, Seite 28

 

 

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